Wesen

Vom Bauernhund zum modernen Familien-, Begleit- und Sporthund

Ansprüche an das Wesen des Berner Sennenhundes gestern und heute

Der Berner Sennenhund vor 100 Jahren: Das Wesen des Berner Sennenhundes wird von der schweizerischen Landwirtschaft geprägt

Ein abgelegener Bauernhof. Rundherum hektarweise Felder, Matten und hügeliges Wies- und Weideland. So mag vor 100 Jahren die Umwelt für die Vorfahren der heutigen Berner Sennenhunde ausgesehen haben. Ein Leben in ruhiger, vertrauter Umgebung, kaum ungewöhnliche Ereignisse, wenig Kontakt zu Fremdpersonen und Artgenossen. Die Ansprüche, die damals an das Wesen des Berner Sennenhundes gestellt wurden, waren stark vom ländlichen Leben geprägt. Dr. Scheidegger, Gründungsmitglied und einer der aktivsten ersten Züchter, hat eine treffende Beschreibung über den Charakter der ersten Berner Sennenhunde zusammengestellt: «Der richtige Dürrbächler ist in seinen Eigenschaften und seinem Wesen der schweizerischen Landwirtschaft angepasst wie keine andere Rasse. Nach dem Begriffe eines Bauern ist ein Hund «gut», wenn er wachsam und scharf ist, ohne zu beissen, beim Ausgehen beim Fuss folgt, beim Wagen zwischen den beiden Hinterrädern und nicht in den Kulturen herumläuft, den Meister im Notfalle verteidigt, auf dem Felde liegen gelassene Gegenstände bewacht, nicht wildert, Katzen und Hühner in Ruhe lässt, nicht herumvagiert. In gebirgigen Gegenden werden die Eigenschaften des Viehhütens und Viehtreibens, im Unterland dagegen mehr die Eignung zum Zugdienst geschätzt. Es ist bemerkenswert, dass viele Sennenhunde allen diesen Forderungen oft ohne besondere Ausbildung dazu gerecht werden. Die Wachsamkeit der Berner Sennenhunde ist ein scharf hervorstechender Zug. Kindern schliessen sie sich gerne als treuste Gespielen an. Sie sind aufmerksam, sie beachten alles, sie liefern Beweise höchster Intelligenz und Überlegung, sind lebhaft und beweglich, liebevoll und treu und ohne jede Hinterlist; auch sind sie kühn und furchtlos, aber keine Raufer. Das alles sind durchgreifende, uralt erzüchtete Eigenschaften.»

Die Ansprüche ans Wesen sind gestiegen

In den letzten 100 Jahren hat sich das Leben des Berner Sennenhundes stark verändert. Vom einstigen Bauernhund hat er sich zum vielseitigen Familien-, Begleit- und Sporthund entwickelt und sich in der Gesellschaft einen ganz neuen Stellenwert geschaffen. Nicht nur die Anforderungen an Gesundheit, Langlebigkeit und Fitness sind gestiegen, auch an die psychische Belastbarkeit und ans Nervenkostüm werden heute viel höhere Erwartungen gestellt. Im Ursprungsland Schweiz lebt der heutige Berner Sennenhund mehrheitlich in einem eher dicht besiedelten Umfeld. Täglich trifft er auf fremde Personen und Artgenossen. Der Wachtrieb ist nicht mehr gross gefragt, dafür muss ein Hund gut sozialisiert, sicher gegenüber fremden Menschen und verträglich mit anderen Tieren sein. Die immensen optischen und akustischen Umwelteinflüsse dürfen ihn nicht aus der Ruhe bringen. Die Freiheit des Hundes wird immer mehr eingeschränkt und die Toleranz der Nichthundehalter gegenüber Hunden sinkt von Jahr zu Jahr. Der heutige Hund muss also absolut anpassungsfähig sein.

Hundehaltung als Politikum

Ein tragischer Beissunfall im Dezember 2005 hat die Hundehaltung auch in der Schweiz definitiv zum Politikum gemacht. Das Volk verlangt verschärfte Massnahmen. Im Bundesrat und Parlament wird über ein Verbot gewisser Hunderassen, über Bewilligungspflicht und obligatorische Halter- und Wesensprüfungen debattiert. Beissunfälle, auch wenn sie noch so belanglos sind, sowie auffälliges oder aggressives Verhalten von Hunden müssen den zuständigen Veterinärämtern gemeldet werden. In der heutigen Gesellschaft haben nur noch gut sozialisierte, sichere und verträgliche Hunde Platz. Noch nie war es so wichtig wie heute, dass das Augenmerk in der Zucht nicht nur auf Exterieur und Gesundheit, sondern auch auf das Wesen gerichtet wird. Der KBS scheint mit der Wesensprüfung schon seit Jahren den richtigen Weg eingeschlagen zu haben.

Erwünschte Veranlagungen müssen gefördert werden

Vom Wesen her haben die heutigen Berner Sennenhunde wohl die gleichen Verhaltensweisen und Eigenschaften beibehalten, wie sie 1914 schon von Dr. Scheidegger geschildert wurden. Margret Bärtschi beschreibt sie in ihren Publikationen so: «Der Berner Sennenhund schliesst sich eng und ohne Zurückhaltung an den Menschen und eine Hausgemeinschaft an. Mit freundlicher Aufmerksamkeit verfolgt er alles Geschehen um sich herum und weiss zwischen den Lebewesen, Dingen und Vorgängen seines Heimbereiches und allem Fremden zu unterscheiden. Ungewohntes zeigt er zuverlässig an und ist bereit, die Seinen und das Ihrige zu verteidigen. Willig, und offensichtlich mit Freude und einer gewissen Eigenständigkeit, erfüllt er ihm aufgetragene Pflichten. Dabei verbirgt sich hinter seinem robusten Äusseren ein feinfühliges und liebevolles Gemüt… Kindern gegenüber sind sie gutmütig, nehmen sie aber auch gerne gegen vermeintliche und echte Gefahren in Schutz.» Der Berner Sennenhund verfügt immer noch über viele wertvolle Wesensveranlagungen, die ihn auch in der heutigen hektischen Zeit zu einem wunderbaren Begleiter machen. Doch diese Anlagen können sich nur entwickeln, wenn sie gefördert werden. Durch fehlende oder unangenehme Erfahrungen können sie leicht verkümmern, so dass das Wesen eines Berner Sennenhundes plötzlich nicht mehr der gängigen Idealvorstellung entspricht. Es ist die Aufgabe eines jeden Züchters und jedes späteren Hundebesitzers, dem Welpen und Junghund abwechslungsreiche Lernsituationen zu schaffen, wo er möglichst viele positive Erfahrungen machen kann. Nur so kann sich ein Welpe mit guter Veranlagung zum wesensstarken, sicheren Hund entwickeln.

Wachsamkeit

Armin Trachsel, Sohn des ehemaligen Zuchtobmanns Paul Trachsel, erzählte einmal von einer beeindruckenden Geschichte aus seiner Jugendzeit. Als er zusammen mit seinem Vater auf den Gutshof zurückkehrte, lag ein Mann am Boden, ihr damaliger Berner Sennenrüde stand imponierend über ihm. Es war ein Landstreicher, der in der Scheune seinen Rausch ausschlafen wollte. Weil niemand zuhause war, hatte der Rüde den Manngestellt. Vor Schreck fiel dieser zu Boden. Ohne zu beissen und ohne den Landstreicher zu verletzten, hielt der Berner Sennenrüde den Eindringling so lange in Schach, bis sein Meister kam und die Angelegenheit regelte. Solche Begebenheiten sind typisch für den Berner Sennenhund. Er ist wachsam und beschützerisch, ohne zu beissen. Auch die heutigen Berner Sennenhunde bergen mehrheitlich noch immer eine gewisse Wachsamkeit in sich. Für ihr Territorium – das kann das Haus, der Garten, aber auch das Auto sein – zeigen sie ein instinktives Empfinden. Naht sich etwas Unbekanntes, zeigen sie es durch klares Bellen an. Viele Berner Sennenhunde bewachen auch gerne Gegenstände und Besitz ihrer Bezugspersonen. Diese an und für sich gute Eigenschaft bedarf aber einer gezielten Führung und Förderung in die richtige Richtung.

Wachsamkeit ja – Angstaggression nein

Wachsamkeit darf aber auf keinen Fall mit Angstaggression verwechselt werden. Hans Stadtmann, der sich schon vor 60 Jahren intensiv mit dem Wesen des Berner Sennenhundes auseinandergesetzt hat, beschreibt sie in der Blässipost vom März 1949 so: «Der Berner Sennenhund soll ein freundlicher, gutmütiger, aber doch scharfer Geselle sein. Je gutmütiger der Hund ist, desto mehr Verlass ist auf ihn, wenn Gefahr naht. Gutmütigkeit ist ein Zeichen von Stärke, des Selbstvertrauens.» Ein wesensstarker Hund zeigt Ungewohntes mit warnendem Bellen an. Er stellt sich und ist bei echter Gefahr auch für einen Angriff bereit. Erweist sich die vermeintliche Gefahr als unbegründet, beruhigt er sich sofort wieder. Als besonders scharfe Wächter wurden in früherer Zeit Hunde angesehen, die ein gesteigertes Misstrauen gegenüber Fremden zeigten. Bei dieser, heute als unerwünschte Schärfe definierten Wachsamkeit, handelt es sich aber nicht um Überlegenheit, sondern um Selbsterhaltungstrieb. Im Gegensatz zum sicheren Berner Sennenhund ist im Ernstfall kein Verlass auf solche Hunde. Solche ängstlichen und scheuen Tiere dürfen auf keinen Fall zur Zucht verwendet werden.

Wesensmängel müssen bekämpft werden

Hans Stadtmann hat die Züchter schon in den 40er-Jahren dazu aufgerufen, das Augenmerk vermehrt auf das Wesen zu richten. Als sich in den 50er-Jahren immer wieder Hundekäufer über scheue, misstrauische Berner Sennenhunde beklagten, wurdeüber eine Wesensprüfung diskutiert. Da 1963 immer noch scheue Hunde in der Zucht standen, wurde eine spezielle Wesensprüfung beschlossen. Dank der seither obligatorischen Wesensprüfung für angehende Zuchthunde, sind scheue und misstrauische Rassevertreter heute selten geworden.

Soll auch die Wachsamkeit herausgezüchtet werden?

Der Berner Sennenhund ist für seine Gutmütigkeit bekannt. Er ist ein friedlicher und umgänglicher Hund, der auf Alles und Jeden freundlich zugeht. Sieht er aber seine Familie oder seinen Heimbereich bedroht, erwacht in ihm sein Schutzinstinkt, und er ist bereit, das, was ihm lieb ist, auch zu verteidigen. Passt die Wachsamkeit, die immer mit einem gewissen Mass an physischer Schutzbereitschaft verbunden ist, überhaupt zu einer so gutmütigen Hunderasse? Muss der heutige Familien- und Begleithund überhaupt noch wachen? Immer wieder träumen Idealisten davon, nur noch aggressionsfreie Hunde zu züchten. Doch Hand aufs Herz: Wer wünscht sich schon einen Hund, der nicht mit einem warnenden Bellen angibt, wenn ein Fremder ums Haus schleicht, der schlafend liegen bleibt, wenn ein Einbrecher ins Haus dringt, der freundlich mit dem Schwanz wedelt, wenn Herrchen oder Frauchen im Wald angegriffen werden oder der seelenruhig zuschaut, wenn ein Fremder das Auto knackt und womöglich mit Hund und Auto davonfährt? Warnend bellen, knurren, Zähne zeigen, sich aufbauen und eine imponierende Haltung annehmen, sich auch mal gegen einen aufdringlichen und respektlosen Artgenossen zu wehren, sind Formen der Aggression, die ein Hund zum Überleben braucht. Solange seine Beisshemmung intakt ist, mag ein solcher Hund einen respektvollen Eindruck einflössen, aber er ist nicht gefährlich. Und die Beisshemmung ist beim Berner Sennenhund in der Regel enorm hoch angesetzt. Dank seiner Kraft und seinem Gewicht, weiss er sich auch ohne Zubeissen zu wehren. Die Wachsamkeit, insbesondere das Bewachen des eigenen Territoriums, ist ein markanter Charakterzug des Berner Sennenhundes. Sie wurde bei ihm von Alters her geschätzt und gefördert. Die Wachsamkeit muss und darf nicht herausgezüchtet werden, denn sie ist eine nützliche und wertvolle Charaktereigenschaft, die zum Berner Sennenhund gehört! Würde die Zucht versuchen, dem Berner Sennenhund diese urtypische Veranlagung durch gezielte Selektion zu nehmen, damit er in der heutigen Zeit bequemer zu halten ist, würde nicht nur die Zuchtbasis massiv eingeengt, man würde ihn auch ausgerechnet seiner hervorstechendsten, rassespezifischen Eigenschaft berauben. Der Berner Sennenhund würde seine Ursprünglichkeit verlieren und zum naiven, dümmlichen Modehund degradiert. Vielmehr muss der Hundehalter lernen, verantwortungsbewusst damit umzugehen, damit die uralt vererbte, gesunde Wachsamkeit in der heutigen, hochsensibilisierten Zeit nicht zum Problem wird. Er wird damit umzugehen wissen und seinen Berner Sennenhund nie unbeaufsichtigt einer Situation aussetzen, in der er seine natürliche Wachsamkeit und damit auch sein berechtigtes Schutzverhalten einsetzen muss.

Der Berner Sennenhund gehört zu seinen Menschen

«Ein Berner Sennenhund bellt lauter, freut sich gewaltiger, trauert tiefer, schmollt heftiger, widersetzt sich energischer. Für einen Berner Sennenhund genügt der kleine Finger nicht. Er braucht die ganze Hand, nein, beide Hände, den gesamten Menschen.» (Prof. Dr. Bernd Günter) Hinter dem robusten Äusseren des Berner Sennenhundes verbirgt sich ein empfindsames und liebevolles Gemüt, das ihn gerade in unserer hochtechnisierten Welt zu einem ganz besonderen Partner macht. Kaum eine andere Hunderasse ist so auf den Menschen bezogen, wie der Berner Sennenhund. Nähe, Zärtlichkeit und Kontakt zum Menschen sind für ihn äusserst wichtig, und diese Verbundenheit zum Menschen zeigt er auch! Vornehme Zurückhaltung kennt er nicht. Er zeigt seine Gefühle und drückt seine Zuwendung lebhaft aus, oft ungestüm, doch immer auch lenkbar. Er fühlt sich nur wohl bei seinen Leuten, von denen er nicht nur viel Zuneigung, sondern auch eine sinnvolle Beschäftigung und eine liebevolle, aber konsequente, Führung verlangt. Die Zuwendung und Aufmerksamkeit seiner Menschen bedeuten ihm alles. Die überaus hohe Menschenbezogenheit des Berner Sennnhundes ist aber keine moderne Zeiterscheinung und hat auch nur wenig mit der heutigen Hundehaltung oder mit Verwöhnen oder gar mit Vermenschlichung zu tun. Nein, diese charakteristische Veranlagung ist dem Berner Sennenhund schon von jeher eigen. Er lebte schon vor mehr als hundert Jahren eng mit seinen Leuten zusammen. Beim Zürcher Historienmaler Ludwig Vogel (1788-1879) erkennt man auf Bildern, die inzwischen gegen 200 Jahre alt sein dürften, nicht nur den Berner Sennenhund in Alltagssituationen draussen. Auf einem der Bilder erscheint ein Berner Sennenhund am Familientisch einer Oberhaslitaler Familie. (Quelle: Prof. Albert Heim). In der Erzählung «Zeitgeist und Bernergeist» gibt es ein Kapitel, wo der Hans vom Hunghafen z’Abesitz geht: Er hoschete erst an der äusseren Türe, drinnen hörte ihn niemand als der Hund unter dem Ofen, der schlief. Der fing an zu muckeln und halblaut zu bellen. «Was hat der aber?» fragte Lisi. «Es wird ihm was vorkommen im Schlafe, aber kurios wärs doch, wenn die Hunde auch träumen sollten». Damit ging die Türe auf, und eine Stimme sagte: «Ihr müsst kurze Zeit haben beieinander, dass mich niemand hört.» Aus alten Dokumentationen geht also klar hervor, dass schon die Vorläufer des Berner Sennenhundes eng mit ihren Menschen zusammen gelebt haben. Das bestätigt auch Ursula Flückiger, KBS-Wesensrichterin. Sie weiss zu berichten: «Meine Mutter lebte als Kind, so um 1920, auf einem Emmentaler Bauernhof. Sie erzählte immer wieder von einer besonders schönen Hündin aus ihrer Kinderzeit. Belline war eine für damalige Verhältnisse teure Berner Sennenhündin mit langen Haaren gewesen. Belline war immer bei der Familie, auch in der Küche und auch in der Stube. Damals gab es noch keine beheizten Toiletten im Haus, sondern nur ein kaltes Plumsklo hinter dem Haus neben der Scheune. Vor allem im Winter gab es kalte Füsse, wenn die Kinder ohne Socken, nur mit den Holzschuhen, in die Kälte mussten. Deshalb wurden sie immer von Belline begleitet. Sie legte sich dann beim Klo nieder, damit die Kinder ihre kalten Füsse in ihrem dichten Fell aufwärmen konnten.» Die Bauernhunde lebten früher sicher mehrheitlich draussen, weil sich auch das Leben der Menschen zu einem grossen Teil draussen, im Hof und unter den breiten Dächern, abspielte. Auch bei den Arbeiten auf dem Feld waren die Hunde dabei. Bei schlechtem Wetter, Sturm oder Schnee, hatten sie bestimmt auch Zutritt zum Haus – vor allem zur grossen Küche. Wenn heute ein Hund ausgesperrt wird, ist das etwas ganz anderes, weil sich das Familienleben nicht mehr draussen abspielt. Der Berner Sennenhund gehört aber dorthin, wo sich das Leben der Familie abspielt! Regula Bürgi, Exterieurrichterin im KBS, deren Grossvater schon Berner Sennenhunde gezüchtet hatte, lebte von klein an mit diesen Hunden zusammen und weiss aus alten Erzählungen zu berichten: «Schon zu Zeiten vor dem 2. Weltkrieg hatte der Berner Sennenhund einen hohen Stellenwert. Damals wurden Welpen bereits für Fr. 350.– (was dazumal sehr viel Geld war, und das noch für einen Hund!) nach Ungarn verkauft. Dass dann solche Tiere nicht im Stall gehalten wurden, war nachvollziehbar. Durch seine Eigenschaften war der Berner Sennenhund besonders beliebt für die Vertreibung von damaligem Gesindel, das seine Runde machte. Durch seine Grösse, seine unbekannte Erscheinung und Beharrlichkeit machte er auf dieses Volk im In- und Ausland grossen Eindruck.»

Der Berner Sennenhund und Kinder

Süsse Bilder von kleinen Kindern mit einem stämmigen Bäri erwecken oft den falschen Eindruck, jeder Berner eigne sich als Knuddelbär oder lebendiges Spielzeug für Kinder. Die meisten Berner Sennenhunde sind extrem gutmütig und tolerant Kindern gegenüber. Dies hat aber nur bedingt mit seiner Genetik zu tun, sondern ist zusätzlich abhängig von seiner Prägung. Hunde, die vor allem während ihren ersten Lebenswochen, aber auch später, positive Erfahrungen mit Kindern machen durften, sind meistens äusserst kinderlieb. Durch Mangel- oder Fehlprägung, schlechte oder gar schmerzhafte Erlebnisse, kann auch der liebste und gutmütigste Berner Sennenhund gegenüber Kindern misstrauisch und abwehrend werden. Den Kindern der eigenen Familie gegenüber sind Berner Sennenhunde besonders gutmütig und nehmen sie gerne gegen vermeintliche und echte Gefahren in Schutz. Regula Bürgi, die mit Berner Sennenhunden aufgewachsen ist, weiss zu berichten: „Als ich ungefähr elf Jahre alt war, kaufte sich meine Mutter einen Rüden, der sehr gross und kräftig wurde. Dieser Hund liess sich von mir wie von Geisterhand führen, die Bindung war so gross. Jedes Mal, wenn ich für die Familie in unserem Dorf im Center etwas zu besorgen hatte, nahm ich ihn mit. Dabei durften keine Fremden neben, vor, oder hinter mir laufen. Und wenn ich im Laden am Einkaufen war, liess er niemanden rein, bis ich wieder rauskam. Sein Brummeln wurde jeweils schnell verstanden.» Dieses Schutzverhalten den eigenen Kindern gegenüber spricht für den guten Charakter dieser Rasse, ist aber nicht immer unproblematisch. Es versteht sich von selbst, dass Kinder bis zu einem gewissen Alter auch mit dem liebsten Berner Sennenhund nie unbeaufsichtigt alleine gelassen werden dürfen!

Der niedrige Jagdtrieb darf nicht herausgefordert werden

In früheren Beschreibungen wird immer wieder lobend erwähnt, dass der Berner Sennenhund Katzen und Hühner in Ruhe lässt und auch Wildtiere nicht jagt. Wieviel von diesem Verhalten genetisch bestimmt und wieviel unbewusst durch Prägung und Erziehung beeinflusst wurde, ist kaum auszumachen. Sicher wurde der Jagdtrieb beim Berner Sennenhund durch züchterische Selektion auf ein Minimum reduziert, weil jagende Hunde in Landwirtschaftsbetrieben nicht erwünscht waren. Und auch das beachtliche Gewicht macht aus einem Berner Sennenhund nicht unbedingt einen begnadeten Jäger. Zusätzlich wurde er als Hofhund schon vom Welpenalter an auf ein tolerantes Verhalten gegenüber anderen Tieren geprägt. Trotzdem darf nicht ausser acht gelassen werden, dass in jedem Hund immer latent ein Jagdverhalten vorhanden ist, das sogar beim Berner Sennenhund durch (unbewusste) positive Bestätigung geweckt und gesteigert werden kann. Auch wenn es noch so süss aussieht, wenn der drollige Welpe vergeblich einem fliegenden Blatt oder einem Vogel nachrennt, es muss unterbunden werden, sonst kann es später in einem anderen Zusammenhang böse Überraschungen geben. Dann nämlich sind es Eichhörnchen und Katzen, die zu begehrten Jagdobjekten werden. Ist der Jagdtrieb erst einmal ausgebrochen, ist er nur schwerlich und mit viel Aufwand zu kontrollieren. Der niedrige Jagdtrieb ist auch in der heutigen Zeit ein angenehmes Wesensmerkmal des Berner Sennenhundes. Fordern wir ihn nicht heraus!

Die heutige Wesensprüfung

Gemäss FCI-Standard Nr. 45 soll der Berner Sennenhund sicher, aufmerksam, wachsam und furchtlos in Alltagssituationen sein, gutmütig und anhänglich mit vertrauten Personen, selbstsicher und freundlich gegenüber Fremden. Dazu gehört ein mittleres Temperament und eine gute Führigkeit. Hunde haben ihre angeborenen, artspezifischen Verhaltensweisen, die aber durch Prägung und Erfahrungen beeinflusst werden. Was also angeboren und was erworben ist, ist kaum auseinander zu halten. Ist es überhaupt möglich, aufgrund einer Prüfung herauszufinden, wie die genetischen Anlagen eines Hundes sind? Kann man gar auf eine Wesensprüfung hin trainieren, um unerwünschte Wesensveranlagungen zu kaschieren? Jeder Hund ist anders, jeder Hundeführer ist anders, jeder Hund hat eine andere Lebensgeschichte hinter sich. Deshalb kann auch eine Wesensprüfung nicht für alle Hunde genau gleich angelegt werden. Sie muss individuell jedem Hund angepasst sein. Als erstes wird geprüft, wie sich ein Hund in einer Ansammlung fremder Personen verhält. Ein misstrauischer, scheuer Hund wird auch nach intensivem Training gestresst sein und sich nicht gelöst bewegen können. Verfügt er aber über gute Veranlagungen, wird er sich auch ohne Training schnell an diese ungewohnte Situationen anpassen. An verschiedenen Posten wird beobachtet, wie der Prüfling auf akustische und optische Einflüsse reagiert. Zuletzt wird die Schussfestigkeit getestet. Ein sicherer Berner Sennenhund wird diese Prüfung problemlos bestehen. Dank der Wesensprüfung für angehende Zuchthunde konnte sich der Berner Sennenhund seine hervorragenden Wesenszüge erhalten und ist auch heute noch ein problemloser und erfreulicher Zeitgenosse. Trotzdem können, wie bei anderen Hunderassen, immer wieder Wesensmängel auftreten. Es ist die Pflicht gegenüber dem Menschen, dem Hund und seiner Umwelt, dass Wesensmängel energisch bekämpft werden. Um es mit den Worten von Hans Stadtmann zu sagen: «Was nützt uns ein schönes Tier, wenn es nicht einen einwandfreien Charakter hat? Seine schönen Farben, sein glänzendes Fell, seine treuen Augen, seine harmonischen Proportionen, alles das erfreut unsere Augen, was aber das Herz erfreut, ist sein Wesen!»
Bernadette Syfrig
Newsletter