Zucht einst und jetzt

Die Gründung des Klubs vor 100 Jahren für den damals noch benannten Dürrbächler war die Grundsteinlegung der Zucht. Doch aufgrund welcher Kriterien wurde die Zuchtselektion vorgenommen? Es waren noch keine Stammbäume vorhanden und die Vorfahren waren nur schwer nachvollziehbar oder gar nicht bekannt. Es musste aufgrund von Phänotypen (Erscheinungsbild) Verbindungen „geprobt“ werden. Wie die Vererbung sein wird, konnte noch gar nicht erahnt werden und daher wurden sehr wenige Hunde für die Weiterzucht nachgenommen. Es musste jeweils sicher ein Jahr abgewartet werden, um einigermassen eine Entscheidung für die Weiterzucht treffen zu können. Daher war sehr lange die Nachfrage nach Berner Sennenhunden viel grösser als das Angebot. Schon damals wurden sehr viele Daten gesammelt, jedoch erst was das Exterieur und das Wesen anbelangte. Lange wurden auch noch Dürrbächler, welche ein gutes Erscheinungsbild darstellten, auch ohne Stammbaum eingekreuzt, um den eigentlichen Typ des Hundes zu verbessern.

Mein Grossvater hatte schon vor dem 2. Weltkrieg Berner Sennenhunde gezüchtet. Er erzählte mir, dass durch die Gewinnung an Beliebtheit der Rasse die Ansprüche an den Hund immer grösser wurden. Da die Zuchtbasis jedoch sehr klein war, überlegten sich die Zuchtverantwortlichen neue Lösungen. Man kam zum Schluss, dass der Berner Sennenhund im Wesen gestärkt und in der Knochenstruktur kräftiger werden muss. Aufgrund der seinerzeitigen Ausgangslage der Zuchtbasis entschieden sie sich, bewusst für die Stärkung des Wesens den Schweizer Sennenhund und für die Kräftigung der Knochenstruktur den Neufundländer einzukreuzen. Man hat sich von dieser Vorgehensweise sehr viel versprochen, sie konnte aber nicht über längere Zeit hinweg verfolgt werden, weil der 2. Weltkrieg angefangen hatte. Während der Kriegszeit wurde das ganze Zuchtgeschehen sozusagen stillgelegt, weil damals nur noch mit den sogenannten Märkli die Essenswaren bezogen werden konnten. Und da war kein Platz mehr für Hundefutter drin.

Doch schon kurz nach Beendigung des Krieges flammte in diversen Funktionären wieder die Leidenschaft der Zucht des Berner Sennenhundes auf. Langsam aber sicher wurden Nägel mit Köpfen gemacht. Reglemente und Standardvorstellungen wurden überlegt und ausgearbeitet. Mit zuchthygienischen Massnahmen wurde bewusst noch lange zugewartet, bis sich die Zuchtbasis verbreiterte.

Ende der 50er- und anfangs der 60er Jahre wurden die ersten Massnahmen gegen Mängel wie Gebissfehler, schlechter Bewegungsablauf und Aggressionen ein-geführt. Da es sich aber um eine grosse Bandbreite handelte, wurden das Wesen und das Exterieur aufgeteilt, um bewusst den Berner zu züchten, der heute im Standard beschrieben wird.

Nach und nach wurde immer mehr Zuchtmusterung vorgenommen wie das HD Röntgen, Wurfgrössenbestimmung, ED-Röntgen, Paarungsvorschriften, usw. Es freut einen daher umso mehr, dass der Berner Sennenhund seit Anfang der Jahrtausendtwende nicht mehr zu den fünf gefährdetsten Rassen gehört, die Probleme mit HD- und ED zu verzeichnen haben.

Anfangs der 90er-Jahre wurde durch Intervention des Tierschutzes die Wurfgrössenbestimmung von höchstens sechs Welpe aufgehoben, sodass jeder geborene Welpe grossgezogen werden und somit auch keine Zuchtauswahl vom Klub her mehr vorgenommen werden darf. In der heutigen Zeit verzeichnen wir im Klub wohl weniger Würfe, jedoch eine fast gleiche Welpenanzahl wie früher.

So wie diese zuchthygienischen Massnahmen sehr viele Vorteile für unsere Rasse gebracht haben, so kam es auch zu Abweichungen in der Zucht. Mit der Einführung der immer strengeren Paarungsvorschriften wurde der Hund im Erscheinungsbild nicht mehr als Ganzes betrachtet, sondern er wurde nur noch auf wenige Details wie Zuchtwerte, HD/ED, usw. beschränkt. Ohne jegliche Absicht übersah man dadurch andere Schwellenmerkmale, welche dazu führten, dass parallel dazu die Gesamterscheinung in Bezug auf Typ, Knochenbau und -stärke, was nach dem 2. Weltkrieg lange und mühsam heran gezüchtet wurde, zum Teil verloren ging.

Durch diese Entwicklung sind nun die Exterieur-Richter in ihrer Verantwortung stark gefordert, einheitlich und wegweisend an Ausstellungen und Zuchttauglichkeitsprüfungen zu bewerten. Wie schon lange bekannt ist, zeugt ein korrekter anatomischer Aufbau des Hundes von Gesundheit und Wohlbefinden, was einen von einem Hund zu erwartenden raumgreifenden Bewegungsablauf zur Folge hat. Man muss wieder deutlicher auf Substanz, Knochenstärke und korrekte Gebäudelinien eingehen, um so dem vorgegebenen Stand gerecht zu werden.

Da lange bei Rüden keine Deckzahlbeschränkung bestand und somit einzelne Rüden sehr viel, wenn nicht zuviel, eingesetzt wurden, schmälerte sich auch genetische Vielfalt innerhalb der Rasse. Mit der Deckzahlbeschränkung wollte man damit Einhalt gebieten, was aber auch nur zum Teilerfolg führte.

Wie bei anderen Hunderassen stehen auch wir vor rassetypischen Krankheitsmerkmalen wie Maligne Histiozytose, usw., welche durch die Einschränkung der genetischen Vielfalt nur gefördert wurden. Doch dieser Aufgabe stellt sich der Klub vorbildlich, indem er daran ist, in Zusammenarbeit über die Landesgrenzen hinaus zu versuchen, diesen Problemen Herr zu werden oder wenigstens zu lernen, damit umzugehen und sie einzudämmen. Dazu gehört, dass so viele Daten wie möglich gesammelt werden, um einigermassen aussagekräftige Auswertungen vornehmen zu können. Zuchtangaben alleine reichen nicht aus, wenn sie unter 30 % ausmachen. Die Daten sind zuwenig aussagekräftig, sodass eine Paarungsauswahl ähnlich einem Zufallsprinzip gleichgestellt werden kann.

Also fragen wir uns doch wirklich, ob wir mit der Zucht heute weiter sind als einst? Ich glaube eher, dass wir um ein Vieles mehr wissen, aber zugleich mit neuen Herausforderungen konfrontiert werden, welche früher gar nicht vorhanden waren. Es stehen uns auch in Zukunft sehr viele wichtige Aufgaben bevor, um die Zucht wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die Gesundheit und der Typ müssen als Einheit betrachtet werden können, um nicht wieder Gefahr zu laufen, dem Tunnelblick zu verfallen, indem das Eine zu einseitig gefördert wird, während das Andere verloren geht. Wir drehen uns so nur im Kreis und verlieren darüber hinaus den Weitblick, den es für unseren weiteren Weg braucht.

Ich bin aber davon überzeugt, dass wir alle auch in Zukunft durch unsere Verbundenheit zu dieser aussergewöhnlichen Hunderasse alles tun werden, um einen gesunden, kräftigen und wesensstarken Berner Sennenhund als Begleiter halten zu dürfen.

Regula Bürgi, Exterieurrichterin KBS
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